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Ein halbes Jahr Guzymans Zuhause: Edwards Hall

Schon einmal folgendes erlebt: Du willst Urlaub machen und das weit weg von Deutschland, damit du auch einmal andere Kulturen kennen lernst. Und was passiert? Du kommst in deiner Unterkunft an (es ist dabei völlig egal, ob du nach England, Frankreich, Marokko, Jamaika, Venezuela oder Barbados reist) und sofort findest du Deutsche. Natürlich bleibt man dann auch schön mit diesen Leuten zusammen. Das gehört sich schließlich so. Und was passiert mit dem interkulturellen Austausch? Der kommt meistens zu kurz, weil man schon meistens mit den interdeutschen Differenzen oft überlastet ist.
So etwas wollte ich bei meinem Auslandsstudium nicht haben. Ich wollte nicht nur umgeben sein von Deutschen. Und ich hatte Glück.

Edwards Hall (kurz: Teds) ist der Name des Hauses, in das ich mich für ein Jahr lang einquartiert hatte. Es war ein typisch australisches Studentenhaus, in dem ich ein kleines Zimmer für mich hatte und den Rest - Bad, Küche und TV Raum - mit anderen Leuten teilte. Frühstück und Abendessen wurde in der Dining Hall gegessen - Kochen war während meines Australienaufenthalts demnach nicht nötig. Wer zu Mittag einen kleinen Snack wollte, konnte die Einrichtung des Tea Rooms nutzen: Kühlschrank, Mikrowelle und Wasserkocher waren die wichtigsten Geräte, um tagsüber über die Runden zu kommen.


Die "Dining Hall" bei einem formellen Essen bei dem Event "Christmas in July"

Zugegeben: Übermäßigen Luxus gab es nicht. Während der kühlen Jahreszeit konnte der kleine tragbare Heizer schon einmal seine Mühen haben, für genügend Wärme zu sorgen. Doch im Gegenzug wehe denen, die im Sommer das Fenster zur Nordseite haben (ja, in Australien steht dort die Sonne)! Ohne einen Stehventilator konnte Teds zu einem wirklichen Backofen werden. Ich erinnere mich besonders an zwei Tage, an denen ich vor Hitze nicht einmal mehr schlafen konnte. Zum Studieren sucht man in der Jahreszeit besser die klimatisierte Bibliothek auf.


Alles, was der Student braucht: Bett, Schreibtisch, Schrank, Telefon und
Internetzugang im Zimmer. Spartanisch und trotzdem befriedigend

Wer allein nur des Studierens wegen nach Teds kommt, der sei schon einmal vorgewarnt: Die Wände sind dünn und die Massen "always in party mood". Wer sich da nicht locker macht, hat bereits verloren. Doch in meinen Augen ist das echtes Studenten-Feeling. Im Übrigen sind die Australier auch nette, umgängliche Typen, die äußerst hilfsbereit sind - in welcher Angelegenheit auch immer. Der Teds's Spirit ist angenehm. Ich habe mich selten in einer großen Gruppe so wohl gefühlt wie unter den jungen Massen down under - so lange sie nüchtern sind (Das exzessive Kampftrinken schockt manchmal selbst das abgebrühte deutsche Gemüt).


Wer dem Essen in der Dining Hall nicht trauen mag, kann in einer Gruppe
von etwa 5 Studenten Teds "Self-catered unit" beziehen und ein wenig
mehr Luxus genießen

Neben dem großzügigen Freizeit-Angebot der universitären Gruppierungen gibt es auch Teds-interne Veranstaltungen. Von sportlichen Wettkämpfen, in dem man die Ehre seines Hauses gegen andere (es gibt noch Barahineban, International House und Evatt) verteidigt, gibt es Fun-Events wie Hall Ball, Autonomy Day, Traffic Light Party oder Retro Night (detailiertere Infos darüber gibt es im englischsprachigen Teil von guzyman.de). Langweilig wird es neben dem Studium daher auf keinen Fall.


Nach Tennis, Football oder einem Work-out im Fitnesscenter
endet ein entspannter Tag im Keller von Teds am Billardtisch

Doch kommen wir zurück auf das eingangs erwähnte Dilemma von vielen Deutschen. Die meisten germanischen Austauschstudenten suchen die berühmteren australischen Großstädte wie Sydney oder Melbourne auf. Newcastle ist mit dem Rang der siebtangesehensten Univerität Australiens (die Zahl stammt von einem meiner australischen Professoren) von deutscher Seite eher von geringerer Bedeutung. Ich glaube, ich bin so ziemlich allen Deutschen begegnet, die auf dieser Universität studieren. Man kann sie an zwei Händen abzählen. In Teds war ich der einzige Deutsche und wurde mit Sätzen wie "We need more Germans here" willkommen geheißen. Neben der Unzahl australischer Studenten fand ich in Teds noch einige Skandinavier, drei Afrikaner, eine kleine Schar Asiaten (Japaner, Südkoreaner und Chinesen) und vereinzelt noch andere Europäer (ein Engländer, einen Franzosen und that's it!). Jetzt hätte ich fast die Amerikaner vergessen - sie belegten vornehmlich Platz 2 der Tedschen Populationsdichte. Ich freute mich natürlich über dieses internationale Publikum. Ich muss sagen, dass ich genug Zeit hatte, viele interessante Bekanntschaften zu schließen. It was really mind-expanding.

Um ein abschließendes Fazit loszuwerden: Teds war die optimale Unterkunft, um ein halbes Jahr lang australische Luft zu schnuppern und dabei noch in international vielfältiger Gesellschaft zu sein. Es war ein Ereignis, das prägte und mir in Erinnerung bleiben wird. Ich kann mich der allgemeinen Meinung nur anschließen: Do it! Study abroad! Go Australia!


Bewusstseinserweiterung in den schmalen Gängen von Edwards Hall