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Wer bist du? Was willst du?
Diese beiden Fragen bringen das Grundproblem der menschlichen Existenz auf den Punkt. Wer versucht, auf diese Fragen eine adäquate Antwort zu finden, der muss schon ein wenig überlegen.
Wer ist man denn eigentlich? Nun, man hat bei seiner Geburt einen Namen bekommen. Doch was sind schon Namen? Sie sagen einem nichts über die Person aus.
Wenn jemand die Frage gestellt bekommt, wer er eigentlich sei, dann antwortet dieser in der Regel immer zuerst mit seinem Namen. Auch wenn uns diese Antwort nichts über den Menschen selbst sagt, sind wir mit dieser Information schon irgendwie zufrieden. Sobald der Name gefallen ist, ist der uns gegenüber nicht länger ein Unbekannter, obwohl man eigentlich immer noch nichts über ihn weiß.
Was macht nun den Menschen, dessen Namen wir mittlerweile kennen, zu jemanden, den man schließlich wirklich kennt? Was gilt es, in Erfahrung zu bringen? Muss man wissen, was seine Vorlieben sind? Oder vielleicht seine Charakterwerte? Oder aber sollte man etwas über die Geschichte dieses Menschen wissen?
Wann kann man endlich sagen, dass man einen Menschen kennt?
Viele kennen das Phänomen, wenn jemand, den man schon so lange kennt, etwas tut, was man überhaupt nicht von ihm erwartet hätte. Dann stellt sich einem die Frage, ob das, was man gesehen hat, nun wirklich ein Teil des Menschen ist, ein ganz persönlicher Part, der nur in Ausnahmesituationen an den Tag kommt, oder aber ob das ganze eine Maske ist, die sich der Charakter aufgesetzt hat, um die Situation auf eine ihm geeignete Weise zu meistern.
Wie auch immer man das Blatt wenden möchte: Es ist sehr schwer herauszufinden, wann ein Mensch eine Rolle spielt und wann er einen Teil von sich preisgibt, der wirklich seinem Charakter entspricht. Das macht unsere Einstiegsfrage "Wer bist du?" noch komplizierter.
Haben Sie schon jemals versucht, sich selbst zu beschreiben? Nein? Versuchen Sie es. Wie weit werden Sie kommen? Was können Sie über sich erzählen? Ich verrate Ihnen, wie Sie sich beschreiben werden. Das erste was sie wohl erwähnen werden, sind ihre Hobbys und Neigungen. Das macht einen Charakter ja schon anders als die anderen. Das ist ja noch einfach.
Dann wird es schon schwieriger und man denkt über seinen Charakter nach. Wo liegen bei einem die Stärken und die Schwächen? Da müssen schon viele passen, entweder, weil ihnen diese Selbstanalyse zu blöd geworden ist, oder weil ihnen nichts dazu einfällt. Die anscheinend beste Lösung bietet hierbei die bequeme Antwort: "Ich glaube, dass die anderen mich beurteilen sollen. Ich habe kein Recht dazu."
Doch selbst wenn man seine Stärken und Schwächen zu kennen glaubt, muss man dann konkrete Lebenslagen überprüfen, wo diese Stärken und Schwächen tatsächlich zum Ausdruck kommen. Das, was man dann entdeckt, ist nur verblüffend. In manchen Situationen treffen die Erkenntnisse der Selbstanalyse nicht mehr zu, da die Handlung sich gar nicht mehr in ein schön geordnetes Schema pressen lässt. Was ist die Quintessenz unserer kleinen Forschung? Unsicherheit und Staunen.
Wer bist du? Eine interessante Frage, auf die man jeden Tag je nach Gemütslage eine neue Antwort finden kann.
Und wieso? Das liegt daran, dass man im Leben sich Masken aufsetzt und Rollen spielt. Nur wer sich in bestimmten Lebenslagen den gesellschaftlichen Regeln unterwirft, der wird aus der Gesellschaft nicht ausgestoßen. So einfach ist das. Und diejenigen, die ihren Individualismus nicht beherrschen können, die werden auf lange Sicht nicht in die höheren Kreise der Gesellschaft kommen. Denken Sie nur: Wenn Sie jemand sind, der gerne seine Hähnchenkeule in die Hand nimmt, und Sie sitzen in einem feinen Restaurant mit Geschäftsleuten; jeder benutzt Gabel und Messer, um das Fleisch zu zerkleinern. Was tun Sie? Sind Sie der Individualist? Oder pressen Sie sich in die Rolle? Egal dürfte Ihnen die Situation aber in keinem Fall sein.
Das Individuum ist im Leben so vielen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Einflüssen unterworfen, dass man wahrlich in ein Rollenspiel eingegliedert wird, ohne dass man es bemerkt. Der Witz ist nur, dass man sein Rollenverhalten bald als ein individuelles Verhalten ansieht. Das ist auch nötig, damit man nicht den Eindruck gewinnt, man wäre seiner persönlichen Freiheit beraubt. Ein Beispiel dazu: Es gibt viele Raucher, die eigentlich gar nicht wissen, warum sie zum Glimmstengel greifen. Einfachste Antwort hierzu: Es macht mir Spaß. Viele greifen schon zum Päckchen, weil die Sucht sie dazu zwingt. Das ist die körperliche Abhängigkeit. Doch im Inneren glaubt man sich stets kontrolliert und lügt sich selbst vor, dass man doch gerne qualmt.
Was ist Rolle? Was ist Charakter? Eines müssen wir uns doch bewusst machen: In all den Rollen, die wir spielen, gibt es doch einige Wesensmerkmale, die wir unser Eigen nennen können. Sie kommen auch überall zum Durchscheinen. Diese Dinge sind es, die uns einmalig machen.

Was macht nun das Fantasy-Rollenspiel so reizvoll? Ist es die Freude an der Fantasie? Oder ist es die Freude daran, eine Rolle zu spielen, mit der man wirklich alles machen kann, ohne in einem wirklichen Leben Konsequenzen tragen zu müssen? Im Leben werden viele Entscheidungen getroffen. Manchmal glaubt man gar nicht, welche Bedeutung ein Entschluss für das persönliches Leben haben kann. Wir alle kennen den Ausspruch "Hätte ich doch nur...". Das zeigt uns, dass manchmal nur ein Wort oder ein Schritt über den weiteren Verlauf der Zukunft entscheiden kann. Ist Ihnen bewusst, was für einen Wert die Worte "Ja" und "Nein" besitzen?
Und wer meint, mit einem "Na ja", einem "Weiß nicht" oder "Egal" einer Entscheidung aus dem Weg zu gehen, der irrt sich gewaltig. Denn auch mit einer solchen Einstellung geht man mit hohem Tempo seinem Zukunftsschicksal entgegen.
Doch nun spielt man alles in einer Welt der Fantasie. Man erlebt sich selbst als ein anderer und man findet Gefallen an der Tatsache, Dinge zu tun, die einem im normalen Leben nicht passieren würden. Der gute Rollenspieler unterscheidet sich vom schlechten darin, dass er völlig ungezwungen wird, das Spiel als Spiel erkennt und dann wieder in die Realität zurückkehren kann - jederzeit und wann er will.
Falsch ist es, sein eigenes Ego im Spiel widerzuspiegeln. Man soll ein anderer sein, der bewusst eine Maske aufsetzt. Aber man sollte dem Fantasie-Charakter niemals seinen Charakter als Maske aufsetzen.
Wer bist du? Schwer zu sagen. Im wahren Leben finden wir wohl nie eine Lösung. Doch im Rollenspiel kann man es sich aussuchen.

Was willst du?
Jeder Mensch hat in seinem Leben Ziele, die er verfolgt. Oftmals sind diese Ziele sehr hochgesteckt, Träumereien. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Einstellung des "Carpe diem", ein Leben, bei dem man in den Tag hineinlebt und von ihm den höchsten Genuss fordert. Eine weitreichende Zielsetzung für das Leben gibt es dabei nicht.
"Was willst du?" ist demnach eine Frage nach der eigenen Zielsetzung. Leider ist es oftmals so, dass man seinen Willen nicht immer bedingungslos durchsetzen kann. Ganz im Gegenteil: Man kann nur dann in einer Gemeinschaft oder in einem System leben, wenn man seine Bedürfnisse herunterschraubt und sich in eine Beziehung des "Geben und Nehmen" einlässt. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die Gesellschaftsverträge von Hobbes oder Locke. Man gibt, um dadurch etwas zu bekommen.
Auch bei unserem Willen müssen wir Abstriche machen, und zwar ganz gewaltige. Wer nur stur seiner eigenen Nase folgt, der wird früher oder später von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das wird uns schon in frühestem Kindesalter mitgeteilt, so dass wir schließlich Menschen werden, die bereits in ihrem Wirken und Handeln in ein System gepresst worden sind. Hat ein Mensch in diesem System nun seine Freiheit oder nicht?
Nun, man glaubt, sie zu haben. Schließlich haben wir doch einen freien Willen; wir können "ja" oder "nein" zu allem sagen. Wie die Konsequenzen dann aussehen, bleibt vorerst einmal dahingestellt. Doch eines ist schon merkwürdig. Obwohl uns oft Alternativen begegnen, zwischen denen wir auswählen können, ist uns unsere Antwort oft schon irgendwie vorgegeben. Man sagt dann "ja", obwohl einem eigentlich ein "nein" lieber wäre. Und zu uns selbst sagen wir uns trotzdem immer, dass wir uns selbst dazu entschieden haben.
Die Freiheit, die uns im Leben gegeben ist, hat solche engen Grenzen, dass wir eigentlich mit der Nase darauf stoßen müssten. Doch es ist schöner, wenn man sich zurücklehnt und die Dinge betrachtet, die man kontrollieren kann und die, wo man selbst entscheiden kann. Es ist immer besser, seine Macht zu betrachten als sich mit seinen Defiziten und seinen Einschränkungen zu beschäftigen.

Waren Sie schon einmal ein Held? Wann ist man im Leben eigentlich ein Held?
Ist man es, wenn man etwas großes für sich getan hat? Oder für die anderen? Oder aber nur für jemanden, den man liebt?
Wie definiert sich ein Held? Napoleon war ein Held... zumindest sehen das viele Franzosen so. Andere wiederum meinen, er wäre ein Verbrecher gewesen. Jeden Menschen kann man von verschiedenen Seiten betrachten und bewerten. Im Endeffekt kann man es wie Einstein sehen: Alles ist relativ. Selbst die Wahrheit.
Haben Sie sich vielleicht schon einmal wie ein Held gefühlt? Hatten sie jemals das Gefühl, dass Sie etwas getan haben, dass Sie bewegt hat, etwas von dem Sie sagen konnten: Jetzt habe ich mich selbst übertroffen? Konnten Sie von sich schon einmal behaupten, dass Sie toll waren?
Ja? Und wie viele Menschen hatten auch den Eindruck so von Ihnen? Wie viele Menschen werden sich an Ihr Wirken erinnern? Nun, lassen wir das einmal offen, denn der kleine Held fällt öfters mal unter den Tisch... Schlimmer noch: Sie meinen, etwas gutes vollbracht zu haben und ernten dann nichts. Ist das nicht frustrierend?
Nicht unbedingt. Was will man denn überhaupt erreichen? Will man für sich etwas erreichen oder etwas für andere? Die Wahrheit lässt sich ganz nüchtern formulieren: Der Mensch ist ein Egoist und alles, für das er arbeitet und schafft, sind Gefühle, die bei ihm erweckt werden.
Gefällt Ihnen diese "Wahrheit"? Ist die Suche nach Glücksgefühlen das Lebensziel des Menschen?
Wahrscheinlich nicht, denn diese Strukturierung ist zu einfach. Das perfekte Wesen Mensch kann doch nicht so einfach zu durchschauen sein...oder was glauben Sie?

Was willst du?
Glücklich sein.
Nun, da haben wir es doch bereits. Die Tätigkeiten, die jeder Mensch verrichtet, gleich welchen Beruf er ausübt, sind doch zu diesem Ziel hin ausgerichtet. Wie wird man glücklich?
Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Aber eines ist ersichtlich: Die Tatsache, dass man im Leben Abstriche machen muss, weil man in einem "geordneten" (besser "diktierten") System lebt, macht das Glücklichsein schwierig.
Die Realität ist schon hart.
Wie sieht es nun aus? Der Realität stellt man sich Tag für Tag. Am Ende eines Tages hat man genug davon. Man will dem Alltag entfliehen! Warum? Weil man dem System, in das man hineingedrückt wird, entgleiten möchte!
Was gibt es für Wege?
Man kann sich abends vor den Fernseher hinsetzen, sich vielleicht sogar Talk-Shows anschauen, die einen für kurze Zeit aus der Realität schleudern.
Es gibt aber auch noch andere Mittel, wie beispielsweise Alkohol oder Drogen, die einen ebenfalls aus dem "wahren" Leben entreißen. Die Effekte dabei sollten Ihnen bekannt sein.
Aber man findet auch andere Wege, um sich zu entspannen, ohne dass man sich einfach passiv "berieseln" lässt, wie beim Konsum dieser Drogen oder der Strahlen des Fernsehers.
Eine Alternative hierzu ist das Erschließen neuer Welten, die in der Fantasie eines jeden Menschen aufgebaut werden kann.
Sicherlich haben Sie dorthin auch bereits ihren individuellen Zugang gefunden. Eine solche Welt kann einmal die Musik oder die Kunst sein. Man kann aber auch Hobbys entwickeln, die einem diesen Draht verschaffen.
In einer solchen Welt findet man den wahren Charakter eines Menschen: Hier darf er sich frei und künstlerisch betätigen und kann sich für einen Moment den Schranken des richtigen Lebens entziehen. Doch man muss sich stets auch noch vor Augen halten, dass das reale Leben nach wie vor präsent ist. Zwar können wir in unserer Fantasie auf einer einsamen Insel leben, diese Art von Leben aber auf keinen Fall auf die reale Welt übertragen.
Die Fragen "Wer bist du?" und "Was willst du?" sollte dann jeder für sich selbst in dieser Welt beantworten. Denn in unserem richtigen, realen Leben spielen wir nur eins: ein Rollenspiel.

(aus "Tangur's Quest" unter "Zwei Fragen an das Leben")